Memminger Zeitung
Donnerstag, 13. Oktober 2005
Manuel Stangorra

Immense gesangliche Fähigkeiten
Carl-Orff-Chor zu Gast in der
Basilika Ottobeuren:
So macht Chormusik Spaß

Es gibt Chöre, die schaffen manchmal
den Quantensprung. Der Hörer fühlt sich
dann psychisch wie in einem Trance-
zustand. Das ist kein Zufall. Es bedarf
dazu des Vorhandenseins musikalischen
Verständnisses sowie gewisser Beharrlich-
keit beim Studium der Literatur. Das war
den Mitgliedern des Carl-Orff-Chores
Marktoberdorf zu eigen, weshalb sie mit ihrem Chorkonzert unter der Leitung von Robert Blank
in der Basilika Ottobeuren die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Adalbert Meier an den Orgeln
der Basilika umrahmte mit drei markanten Werken die Chormusik.

Nicht zuletzt basierte der ansehnliche Erfolg der 27 Sängerinnen und Sänger, die in nahezu ausgeglichener Stimmbalance antraten, auf der wohlfeilen Werkauswahl des profilierten Chorleiters, der immerhin drei Werke des zeitgenössischen Komponisten Wolfram Buchenberg eingeplant hatte. Buchenbergs "Magnifikat" für achtstimmigen gemischten Chor, sein "Vidi calumnias et lacrimas" sowie das "Veni, sacte spiritus" für Frauenchor waren in außerordentlicher Weise geeignet, die stimmlichen Möglichkeiten, die hervorragende gestalterische Ausdrucksvielfalt sowie die künstlerische Dynamik des Marktoberdorfer Gesangsensembles herauszupolieren. Ob es im Magnifikat interessante Effekte wie Wispern und Gesprochenes, solistische Einsprengsel oder das spannungserfüllte Rotieren der Klänge im "Vidi calumnias" waren, immer wusste der Carl-Orff-Chor den künstlerischen Herausforderungen angemessen zu begegnen.
In Harald Genzmers Vertonung "Um Mitternacht" (nach Mörike) erlebte der Hörer einen dichten leuchtenden Gesang mit präziser Artikulation. In Max Regers "Morgengesang" durfte man die symphonische Fülle kosten, während der Chor in Regers "Nachtlied" mit zärtlichsten Pianissimi aufwartete und gen Ende hin elegant ausretardierte. So beginnt Chormusik Spaß zu machen.

Überraschter Besucher

Hermann Regners "Fröhlicher Ostergesang" strich im schwingenden Andante-Tempo dahin, während der Pfingstchoral "Veni, creator spiritus" Carl Orffs die Plastizität des Chores und dessen Qualität in der Mundformung und Aussprache unter Beweis stellte. Kurzum, der Besucher war überrascht über die immensen Möglichkeiten und künstlerischen Fähigkeiten dieser in flotter Einheitskleidung auftretenden Chorgemeinschaft.
(...)

Der Orff-Chor erntete in der Basilika die Bewunderung der Zuhörer.
Foto: Manuel Stangorra
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