Allgäuer Zeitung (Marktoberdorf)
26.11.2005
Manuel Stangorra

„Tempora - Alles hat seine Zeit“
Carl Orff Chor präsentiert neue CD mit Werken
von Monteverdi bis Buchenberg

In seiner gesanglichen Vielfalt nahezu grenzenlos zeigt sich der Marktoberdorfer Carl Orff Chor in einer brandneu beim Münchner Label Oehms-Classics erschienenen CD. „Tempora - Alles hat seine Zeit“ steht als Motto über der Werkauswahl von A-cappella-Literatur aus Barock (Monteverdi) und Spätromantik (Reger). Der hohe Anspruch des Chores, geleitet von Robert Blank, spiegelt sich vor allem in den zu hörenden Kompositionen der Zeitgenossen Harald Genzmer, Carl Orff, Hermann Regner und Wolfram Buchenberg.    Harald Genzmers „Um Mitternacht“ lässt erkennen, wie extensiv und plastisch die rund 30 Sängerinnen und Sänger des Carl Orff Chores ihre Stimmen einsetzen, so dass ab dem ersten Unisono-Abstieg eine lyrisch getragene, vollblütige Atmosphäre einzieht. Rhythmisch prägnant wird es in der sich anschließenden Passage „Und kecker rauschen die Quellen hervor“. Über den ganzen Frequenzbereich entsteht ein ausgeglichenes Fresko. Das gilt auch für das „Tristissima Vox“, bei der die verschlungenen harmonischen Pfade quasi ohne Mühe bewältigt werden. Die „Gaukelbilder“, von denen im Text Manuel Gutiérrez Nájeras die Rede ist, erscheinen sinnbildlich vor dem Auge des Hörers. Insofern verfügt der technisch bestens ausgerüstete Chor über eine zauberhafte Suggestivkraft.

Wunderbare Harmonie
    In wunderbarer Harmonie erlebt der Hörer den Chor in Max Regers „Morgengesang“. Robert Blank vermag hier den Chor behutsam und sicher durch den dichten Satz Regers zu geleiten und klanglich alle Nuancen zu vermitteln. Wie aus einer verzauberten Welt erklingt das „Nachtlied“, welches der Carl Orff Chor anschmiegsam jedoch unprätentiös, dafür aber mit Vehemenz und Leuchtkraft ausführt. Die Nummer eins des Zyklus’, „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit“, ein Text des Dichters Matthias Claudius, beeindruckt mit großer Amplitude der einzelnen Stimmen, die homogen im Kontext wirken. Allein schon die Reger-Darbietungen (op.138, Nr. 1-4) rechtfertigen den Kauf der CD.
    Sehr direkt und klar aufgenommen - im Gegensatz zu Claudio Monteverdis „Zwei Chören aus Orpheus" am Beginn - ist Wolfram Buchenbergs „Vidi calumnias et lacrymas“. Das viereinhalbminütige Opus mit Christof Hartkopf als Solosänger hinterlässt den Eindruck äußerster Vitalität. Ein Höhepunkt dieser Platte. Eingesungen wurden ebenfalls Buchenbergs nicht minder lohnendes „Veni sancte Spiritus“ sowie das Stimmenwirrwarr, Clustertechnik und Sprechgesang mit einbeziehende, eindrucksvolle „Magnificat“ mit Isabella Stettner als Solistin. Man hört, dass Buchenbergs Kompositionen zum Gehaltvollsten zählen, was derzeit in Bayern an Chormusik zu greifen ist. Hermann Regners „Sechs Miniaturen für gemischten Chor“ bereichern die vorliegende Aufnahme ebenso, wie Carl Orffs „Wessobrunner Gebet und das stimmgewaltige „Sunt lacrimae rerum“ für sechsstimmigen Männerchor.
    Die CD ist ab sofort im Marktoberdorfer Buch- und Musikalienhandel erhältlich oder direkt bei Oehms-Classics.

< zurück