AZ 26.10.2007
Christoph Pfister

Souverän durch die Jahrhunderte
Vokalkunst: Der CarlOrffChor aus Marktoberdorf zeigt sein Können bei Werken von Claudio Monteverdi bis Wolfram Buchenberg


„Die menschliche Stimme hat doch fantastische Möglichkeiten, eine reichere Ausdrucksskala, als sie in bisheriger Chorpraxis genutzt wurde. Ich begab mich also in eine neue Welt des Chorklangs, man könnte von einer Art Kaleidoskop sprechen, um ganz neue Klangfarben zu entdecken".
  Knut Nystedt hat sie tatsächlich gefunden, die ganz neuen Klangfarben, und der „Carl-Orff-Chor" Marktoberdorf hat sie bei einem Auftritt in der Sonthofer Täufer-Johannis-Kirche eindrucksvoll entfaltet in einem facettenreichen Blick bis in die Gründung der uns bekannten Kirchenmusik mit Würdigung der Tonsetzer, die seinen Namensgeber inspiriert haben.
 Wie Orff auch hat Nystedt Anregung gefunden in vielen Epochen der Musik und diese dann in eine eigenständige Sprache, in das 20. Jahrhundert übertragen. Der 1915 geborene Norweger formt dazu Sprache in Klangrede, löst traditionelle Strukturen in unterschiedlicher Intensität auf. Robert Blank und seine Chorgemeinschaft nehmen die technischen Herausforderungen der Jetztzeit geradezu mit Selbstverständlichkeit an, schwingen sich galant durch die gesamte Bandbreite der Dynamik, gestalten und halten eindrucksvoll ein schon verhauchendes Pianissimo (wunderschon: Regen „Geistliche Gesänge“), bringen Forte und Steigerungen (kaum steigerungsfähig: MendelssohnBartholdys „Richte mich, Gott") mit nachhaltigem Druck, mit einer Macht, die Struktur wahrt, ja mit Durchsichtigkeit begeistert.
Im Dunstkreis der Romantik
  Ob in früher Renaissance bei Monteverdi, der wie Orlando di Lasso Carl Orff beeinflusst hat. intensiver spiritueller Prägung im Dunstkreis der Romantik oder in zeitgenössischen Werken, die sprachliche Gestaltung der Gäste aus Marktoberdorf ist beispielhaft, „gesprochenes" Gebet (etwa in MendelssohnBartholdys „Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren"), Teil intensiver Klangmalerei (beispielsweise in Buchenbergs „Vidi calumnias et lachrimas"). Fein fließend sind Musik und Sprache gebunden, dann wieder strikt in die ihnen zugedachten Rollen gewiesen.
   Souverän die Solisten, die erhaben über gestaltungstechnische Ansprüche, die immer wieder an die Aufgaben für Berufssänger heranreichen, angenehm ensembleorientiert adäquate Akzente setzen. Robert Blank kann solch exzellente Vokalisten mit Leichtigkeit führen, in sanften Bögen Prägnanz und Präsenz setzen.
   Eine Referenz an Carl Orff, dessen Todestag sich heuer zum 25. Mal gejährt hat, Referenz an die „fantastischen Möglichkeiten der menschlichen Stimme“.

 
 

 

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„Vidi calumnias et lachrimas" (Ich sah Betrügereien und Tränen): Auch Musik des Oberallgäuer Komponisten Wolfram Buchenberg interpretierte der Carl-Orff-Chor unter der Leitung von Robert Blank bei einem Auftritt in Sonthofen. Foto: Pfister